Spitzensport-Elternabend: „Man macht es von ganzem Herzen“

Spannende und inspirierende Gesprächsrunde mit (von links) Carmen und Rito Nick Lauria (Eltern von Kugelstoßer Tizian Lauria), Tanja Simmendinger und Michaela Stäbler (Tante und Mutter von Ringer Frank Stäbler), SPORT.S-Redakteurin Lara Auchter, Joachim Weishar (Vater von Squashspielerin Maya Weishar), Gaby Nuss (Mutter von Para-Skiläuferin Andrea Rothfuss), Bernd Faber und Elly Wrobel (Stiefvater und Mutter von Diskuswerfer David Wrobel), David Wrobel, SPORT.S-Herausgeber Ralf Scherlinzky, Jochen Briem (Vater von Golfspielerin Helen Briem), Helen Briem, Tizian Lauria, Jana Herrmann (Freundin von Tizian Lauria).

Fotos: Leo Pfister

Zugegeben, dieser Beitrag hat wenig mit dem Sport in Heilbronn zu tun. Er ist aber einfach zu interessant, um ihn den Heilbronner Sportfreunden vorzuenthalten. Denn für unser zweites Magazin für Region Stuttgart hatten wir die Eltern einiger Spitzensportler zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Vom Original-Beitrag geben wir hier Auszüge wieder. Den vollständigen Beitrag gibt es auf www.sport-s.de.

Sie heißen Frank Stäbler, Maya Weishar, Andrea Rothfuss, David Wrobel, Helen Briem und Tizian Lauria. Sie repräsentieren Deutschland bei Olympischen und Paralympischen Spielen, gewinnen Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften, tragen das Germany-Trikot bei internationalen Teamwettbewerben und holen Top-Platzierungen bei großen Turnieren. Die Mütter und Väter ihrer Erfolge? Klar, ihre Trainerinnen und Trainer. Doch da gibt es in ihrem direkten Umfeld noch Personen, die ein Schattendasein führen. Personen, die kaum jemand kennt und die meist nur im Verborgenen agieren. Dabei sind sie die wahren Meistermacher. Sie sind diejenigen, die den erfolgreichen Athletinnen und Athleten einst den Weg in den Sport geebnet haben, die ihre eigenen Bedürfnisse seit Jahren hinten an stellen und außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung mit ihren Kindern jubeln und trauern. Die Rede ist, klar, von den Eltern unserer sportlichen Aushängeschilder. Wir haben uns mit Angehörigen der eingangs erwähnten Sportlerinnen und Sportler zu einem zweieinhalbstündigen Austausch getroffen. Mit David Wrobel, Helen Briem und Tizian Lauria waren auch drei der „sportlichen Kinder“ selbst mit von der Partie.

Autor: Ralf Scherlinzky

29. April 2024

„Irgendwie rutscht man da rein, das haben wir glaub ich alle gemeinsam“, sagt Jochen Briem, der seine Tochter Helen Briem (18) weltweit zu Golfturnieren begleitet.

„Keiner von uns ist eines Tages aufgestanden und hat gesagt, ich mache mein Kind zum Profisportler. Das fängt alles ganz klein an und entwickelt sich.“

Bestätigendes Nicken erntet der Nürtinger vor allem von Joachim Weishar, Vater der Squashspielerin Maya Weishar (17): „Maya hatte als Kind eigentlich nur zugeschaut, als ich mit einem Freund Squash gespielt habe. Sie wollte dann auch mal den Schläger in die Hand nehmen – und inzwischen arbeitet sie auf die Olympia-Qualifikation für 2028 hin. Die Squashanlage bei uns in Waiblingen musste schließen, und da wir weit und breit keine vernünftigen Courts mehr haben, bin ich seit Jahren fast jeden Tag mit ihr unterwegs und fahre pro Woche rund 600, 700 Kilometer. Vor allem die Montage sind anstrengend, wenn wir von Leutenbach nach Würzburg zum Training fahren.“

Auch wenn sie keine so extremen Fahrtstrecken auf sich nehmen mussten, können die anderen Familien ein Lied von den Shuttlefahrten für ihre Kinder singen.

Carmen und Rito Nick Lauria, Eltern von Kugelstoßer Tizian Lauria (20), berichten: „Tagsüber hieß es, Papa, hol mich von der Schule ab und koch mir was. Ich esse dann im Auto, solange wir von den Fildern zum Olympiastützpunkt fahren. Abends fuhr die Mama nach der Arbeit nach Cannstatt, um ihn wieder abzuholen, damit er noch zu Abend essen und lernen konnte.“

Elly Wrobel sattelte für ihren Sohn, Diskuswerfer David Wrobel (33), bei ihrem Job von Voll- auf Teilzeit um.

„Mit zunehmendem Leistungsvermögen war die Anlage bei uns in Musberg nicht mehr für sein Training geeignet“, berichtet sie.

Deshalb musste sie ihn mehrmals pro Woche nach Nürtingen fahren.

Dazu ging es noch zweimal nach Cannstatt an den Olympiastützpunkt.

„Ich hätte ihn natürlich auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren lassen können“, so Elly Wrobel weiter, „aber dann wären die Hausaufgaben zu kurz gekommen.

Also bin ich auf Teilzeit umgestiegen, damit er sein Ding machen konnte.“

Wenn die Kinder nicht alles erzählen…

Dass sie für ihre Kinder Opfer bringen bzw. gebracht haben, verneinen die Eltern unisono.

Ein Opfer bringen sie höchstens, so ist es aus den Gesprächen herauszuhören, wenn sie mal nicht bei den Wettkämpfen ihrer Kinder vor Ort sein können.

„Es ist schlimm, wenn du zuhause am Stream sitzt und siehst, dass es bei deinem Kind nicht läuft oder es ihm nicht gut geht. Da wünsche ich mir, vor Ort zu sein und sie in den Arm zu nehmen“, gesteht Gaby Nuss.

Ihre Tochter, Para-Skirennläuferin Andrea Rothfuss (34), war 2014 bei den Paralympischen Spielen in Sotschi Fahnenträgerin des deutschen Teams.

„Ich hatte zwar mitbekommen, dass sie zwei Tage davor im Training gestürzt war. Dass sie sich aber die Halswirbelsäule gestaucht hatte und beim Einmarsch unter ihrem Schal eine Halskrause getragen hat, habe ich erst hinterher erfahren“, schüttelt sie heute noch den Kopf.

„Genau so war es bei uns auch“, rollt Michaela Stäbler mit den Augen.

Ihr Sohn, Ringer Frank Stäbler (34), hatte sich in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2016 verletzt.

„Wir wussten, dass er angeschlagen war. Dass aber mehrere Bänder in seinem Knöchel angerissen waren und seine Teilnahme auf der Kippe stand, haben wir erst hinterher erfahren.“

Sowohl David Wrobel als auch Tizian Lauria nehmen grinsend das Wort „Drama“ in den Mund, als sie erklären, weshalb auch sie mit Informationen über Verletzungen gegenüber ihren Eltern eher sparsam umgehen: „Es ist ja klar, dass man sich als Eltern um die Gesundheit seiner Kinder sorgt. Aber beim Leistungssport kann man grundsätzlich nicht von Gesundheitssport sprechen. Das ist uns Sportlern bewusst, aber für unsere Eltern ist es schwieriger, sich damit abzufinden.“

Deshalb gehe man als Sportler mit Informationen über seine Verletzungen eher sparsam um, weil man eben Diskussionen aus dem Weg gehen möchte.

Vom Wirbelwind zum Weltmeister

Ihr Sohn sei schon als Kind so fokussiert gewesen, wie man ihn später auf der Ringermatte erlebt hat.

 

Elly und David Wrobel

(von links) Carmen Lauria, Rito Nick Lauria, Tizian Lauria

Jochen und Helen Briem

Michaela Stäbler

Joachim Weishar und Gaby Nuss

„Als Frank noch klein war, habe ich noch nicht daran gedacht, von Ehrgeiz und Fokus zu sprechen. Für mich war er eher ein Wirbelwind. Wenn er etwas wollte, gab es schon damals kein Rechts und kein Links. Das war nicht immer einfach“, erinnert sich Michaela Stäbler.

Doch diese Eigenschaft war es, die Frank Stäbler letztendlich drei Weltmeistertitel und eine Olympia-Medaille eingebracht hat.

Auch die Eltern von U23-Europameister Tizian Lauria berichten von einem kleinen Wirbelwind.

Elly Wrobel erinnert sich an einen 1000-Meter-Lauf, als ihr Sohn David mit letzter Kraft ins Ziel kam, sich übergab und kurz ohnmächtig wurde.

„Ich dachte oh Gott, mein armes Kind – doch sein Trainer meinte nur, der wird wieder. Solche Typen braucht man im Sport. Ein paar Jahre später war David bei Olympia.“

„Die sportlichen Aktivitäten von Andrea sind uns tatsächlich fast über den Kopf gewachsen“, lacht Gaby Nuss.

„Wir haben damals noch im Schwarzwald gewohnt, da war natürlich das Skifahren ihre große Liebe. Dann war sie zusätzlich aber auch noch im Leichtathletik-Training und im Schwimmen, wo sie dann plötzlich auf dem Sprung in den Bundeskader der Paraschwimmerinnen stand. Da Andrea aber noch drei Geschwister hat, denen ich auch gerecht werden musste, habe ich sie vor die Wahl gestellt, ob sie neben dem Skifahren weiter Leichtathletik machen oder Schwimmen möchte. Sie hat sich für die Leichtathletik entschieden und ist auch dort dann bald bei den Deutschen Meisterschaften angetreten.“

Wo andere Eltern Fernseh- oder Konsolenverbot einsetzen, wenn ihre Kinder mal nicht „spuren“, bauen die Sportlereltern auf Trainingsverbot als Druckmittel.

„Oh ja, daran erinnere ich mich gut. Das war für mich die Höchststrafe“, lacht David Wrobel.

Überehrgeizige Eltern – eine legende?

Eines ist aus diesen Geschichten eindeutig herauszuhören: Die überehrgeizigen Eltern, die ihre Kinder zum Sport prügeln, sind eher Legende als sie tatsächlich existieren.

Vielmehr geht der extreme Fokus auf den Sport von den Kindern aus – die Eltern sind dabei „der stille Rückhalt“, wie es David Wrobel beschreibt.

„Man wirft uns manchmal schon vor, sich in unseren Kindern selbst verwirklichen zu wollen. Das ärgert mich, weil das absolut nicht der Fall ist“, merkt Jochen Briem an.

„Du kannst kein Kind fünf Jahre lang zum Sport antreiben, vor allem nicht durch die Pubertät hindurch – das müssen die Kinder schon selbst wollen.“

Joachim Weishar und Michaela Stäbler pflichten ihm bei: „Ein talentiertes Kind zum Sport zu prügeln, mag vielleicht ein paar Monate funktionieren. Spätestens in der Pubertät hört es dann auf, da es keinen Spaß am Sport und damit keine intrinsische Motivation hat.“

Schule und Spitzensport – passt das zusammen?
Tizian Lauria sagt: „Ich hatte mich dagegen entschieden, auf eine Schule mit Sportprofil zu gehen und habe mein Abi ganz normal mit G8 auf dem Gymnasium gemacht, weil ich dort meine Freunde hatte und mich mit den Lehrern so gut verstanden habe, dass Freistellungen für den Sport kein Problem waren. Aber ich hatte halt viermal in der Woche bis 16.30 Uhr Mittagschule. Da ich noch keinen Führerschein hatte, mussten mich meine Eltern zum Olympiastützpunkt fahren, wo ich dann drei Stunden trainiert habe.“

Voll des Lobes ist Elly Wrobel für die Stuttgarter Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule als Eliteschule des Sports.

Bevor ihr Sohn von der Realschule dorthin wechselte, hatte die Familie bereits ihre einschlägigen Erfahrungen mit dem Regelschulsystem gemacht.

Ganz anders verhielt es sich dann an der Cotta-Schule, die neben David Wrobel auch Frank Stäbler besucht hat.

Freistellungen und Nachschreibetermine seien dort gar kein Problem und man müsse sich „nicht dafür genieren, dass man Leistungssport macht.“

Stolze Eltern
„Natürlich bin ich stolz auf Frank“, entgegnet Michaela Stäbler auf unsere Frage.

„Doch ich bin nicht auf seine Erfolge stolz, sondern auf den tollen Menschen, den der Sport aus ihm gemacht hat. Aber klar, wenn du in der Halle bist und für deinen Sohn die Nationalhyme gespielt wird, dann platzt du vor Stolz und heulst Rotz und Wasser.“

Stolz auf ihre Kinder sind alle Elternteile in unserer Gesprächsrunde, und sie können auch stolz auf sich selbst sein – denn sie haben die jeweiligen Grundsteine für die Erfolge ihrer Kinder gelegt.

Den ursprünglichen Beitrag gibt es komplett auf http://www.sport-s.de