Heiko Schmidgall: Der Mann im Hintergrund der Eishockey-WM

Fast drei Millionen Deutsche sahen von zuhause aus gebannt zu, als die deutsche Nationalmannschaft Ende Mai im Finale der Eishockey-Weltmeisterschaft gegen Kanada um die Goldmedaille kämpfte. Am Ende stand es zwar 5:2 für die Kanadier, dennoch dürfen die deutschen Spieler stolz sein. Sie leisteten Historisches und brachten die erste deutsche WM-Medaille seit 70 Jahren mit nach Hause. Einer, der das gesamte Turnier über live vor Ort in Tampere dabei war und Zeitzeuge dieses historischen Turniers wurde, ist Heiko Schmidgall. Für den Vertriebsleiter und Eishockey-Koordinator des Markgöninger Orthopädie-Technik Spezialisten ORTEMA war es bereits die 19. Teilnahme an einer Eishockey-Weltmeisterschaft. Da der Arbeitgeber des Unterländers im Auftrag des Eishockey-Weltverbandes IIHF vor Ort ist, betreut der 47-Jährige nicht nur das deutsche Team. Vielmehr ist er Ansprechpartner für alle Turnier-Teilnehmer.

Autor: Ralf Scherlinzky

26. Juli 2023

In den Katakomben der Eishalle in Tampere, zwischen den Kabinen von Nationalteams, Schiedsrichtern und Turnierärzten, befindet sich das Reich von Heiko Schmidgall. „Mein Team und ich haben dort eine eigene Kabine, in der wir die Spieler versorgen“, berichtet er.

Was er dort genau macht, erzählt er uns am Beispiel des österreichischen Supertalents David Reinbacher: „Im Spiel gegen Schweden verletzte sich David am Knie und wurde erstmal im Krankenhaus untersucht. Als klar war, dass er sich keine schwerwiegende Verletzung zugezogen hatte, kam er zu mir. Wir haben sein Knie gescannt, ein 3D-Modell erstellt und dieses nach Markgröningen geschickt. Innerhalb von 24 Stunden war dann die speziell für ihn angefertigte Carbon-Orthese nicht nur fertig, sondern schon vor Ort in Tampere und er konnte wieder spielen.“

Die Orthese schien perfekt zu sitzen, denn der 18-jährige Verteidiger, der im NHL-Draft an fünfter Stelle von den Montreal Canadiens ausgewählt wurde, konnte nicht nur aufs Eis zurückkehren, sondern lieferte auch einen wichtigen Beitrag zum Klassenerhalt der Österreicher im Abstiegsshowdown gegen Ungarn.

Vorsorge ist bekanntlich besser als Nachsorge – deshalb sind laut Heiko Schmidgall die ersten Tage bei einer Weltmeisterschaft immer am anstrengendsten. „Wir machen auch viel Prävention, deswegen bekommen am Anfang viele Spieler Einlagen oder bestimmte Strümpfe, mit denen man Blasen oder Druckstellen am Schuh vermeiden kann. Es ist auch so, dass es in manchen Ländern keine gute orthopädietechnische Versorgung gibt, so dass deren Spieler dann zum WM-Start gezielt zu uns kommen, um sich von uns die entsprechenden orthopädischen Hilfsmittel anpassen zu lassen,“ so der in der Eishockeybranche bestens vernetzte Wüstenroter.

Mittendrin statt nur dabei: Heiko Schmidgall auf dem Weg von der Kabine in die Halle. Fotos: privat

Heiko Schmidgall (rechts) mit dem aus Heilbronn stammenden Stürmer Daniel Fischbuch. 

Manchmal muss es dabei schnell gehen, wie er uns berichtet: „Am Anfang der WM hatten wir den Fall, dass bei einem Spieler nach einem Check ein Band an dessen Schulter-Protektor gerissen war und wir diesen während der Drittelpause innerhalb von 15 Minuten reparieren mussten.“

An eine Geschichte erinnert sich der Routinier, der schon seit 2001 durchgehend bei jeder WM die Spieler betreut, besonders gern: Während der Eishockey-Weltmeisterschaft 2005 in Österreich hatte sich die tschechische Eishockeylegende Jaromir Jagr den kleinen Finger gebrochen. Dank eines vor Ort von Heiko Schmidgall hergestellten Fingerschutzes konnte er damals weiterspielen und letztendlich noch die Goldmedaille mit der tschechischen Nationalmannschaft gewinnen.

Am Ende werden verständlicherweise die Athleten gefeiert, doch gibt es im Hintergrund zahlreiche Akteure, die mit dafür sorgen, dass die Spieler überhaupt solche Erfolge wie die deutsche Nationalmannschaft jetzt feiern können – Akteure wie Heiko Schmidgall, der bei den Eishockycracks ein hohes Ansehen genießt.

Der vierfache Familienvater ist selbstverständlich auch Fan des deutschen Teams, in seinem Job bei der WM ist er allerdings zu absoluter Neutralität verpflichtet. „Natürlich habe ich mit dem deutschen Team mitgefiebert und mich gefreut, dass sie ins Finale eingezogen sind“, gibt er zu. „Bei meiner Arbeit darf das aber keine Rolle spielen und ich helfe allen Spielern gleichermaßen, ungeachtet ihrer Nationalität.“

Mittlerweile ist Heiko Schmidgall schon lange wieder in Deutschland zurück und wird sich demnächst wieder um die Teams der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) kümmern. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und freuen uns schon auf den Bericht von der nächsten WM.