Sebastian Heymann: Von Horkheim zur Olympia-Silbermedaille

Es war der 20. Februar 2016 in Heilbronn-Horkheim bei Familie Heymann. Martin Heymann begrüßte seinen alten Schulkameraden an der Haustür, Sabine Heymann hatte für die Besucher einen Käsekuchen gebacken. Und dann war da noch Basti, der baumlange 17-jährige Sprössling der beiden, um den es bei unserem Besuch gehen sollte. Sebastian Heymann, der sich gerade auf sein Abitur am Justinus-Kerner-Gymnasium vorbereitete, trug zu diesem Zeitpunkt zwar schon noch den Stempel „Supertalent“, hatte die Rolle des Ausnahmetalents aus dem eigenen Nachwuchs aber eigentlich bereits abgelegt. Beim TSB Horkheim in der dritten Liga war er längst zum Leistungsträger geworden. Er hatte seinen ersten Einsatz in der B-Nationalmannschaft hinter sich, war Teil des Elitekaders des Deutschen Handball-Bunds und hatte schon die ersten Male beim Bundesligisten FRISCH AUF! Göppingen mittrainiert. Der Weg für eine erfolgreiche Profikarriere war vorgezeichnet. Heute, mit 27 Jahren als feste Größe bei den Rhein-Neckar Löwen, kann Basti Heymann auf viele Highlights zurückblicken, allen voran auf den Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Doch er musste auch immer wieder gesundheitliche Rückschläge wegstecken – unter anderem zwei Kreuzbandrisse, einen Mittelfußbruch, eine verletzte Schulter und einen lädierten Ellbogen. Für die letzte SPORTHEILBRONN-Ausgabe haben wir uns mit dem 46-fachen A-Nationalspieler nun nochmal über seine Ups und Downs der letzten zehn Jahre ausgetauscht. Einleitung: Ralf Scherlinzky / Text: Lara Auchter

Autor: Lara Auchter

1. Februar 2026

Basti, unser erstes Gespräch liegt zehn Jahre zurück. Damals warst du 17 und noch Schüler, hast dich gerade auf das Abitur vorbereitet und beim TSB Horkheim gespielt. Wenn du heute auf diese Zeit zurückblickst – wie fühlt sich das an?
Sebastian Heymann: Es ist auf der einen Seite unglaublich lange her, und gleichzeitig fühlt es sich an wie gestern. Ich sehe sofort die Stützpunkttrainings, die A-Jugend-Bundesliga, meine ersten Spiele in der dritten Liga. Für mich war das damals der Wahnsinn – eine komplett neue Welt. Die U18-EM in Kroatien mit der Bronzemedaille und dem All-Star-Team, kurz darauf mein erster Profivertrag in Göppingen sowie im September 2016 das Bundesligadebüt in Minden, direkt nach einem Drittliga-Spiel mit Horkheim am Vortag. Diese Phase hat mich extrem geprägt und war ein enorm wichtiger Teil meiner Entwicklung.

Du hattest in deiner Karriere schon einige teils schwere Verletzungen. Was macht das mit einem Spieler?
Sebastian Heymann: Natürlich wünscht man das niemandem. Aber es gehört zum Sport. Manche haben Glück, manche haben mehr Pech – ich würde mich eher zur zweiten Gruppe zählen. Vom Mittelfußbruch über Schulter- und Ellenbogenprobleme bis hin zu mehrfachen Kreuzbandrissen war alles dabei. Jede Verletzung wirft dich zurück, reißt dich raus aus dem Rhythmus, aus dem Team, aus dem Alltag. Aber jede Verletzung hat mich auch stärker gemacht. Das klingt nach einem Spruch, aber es ist wirklich so: Die Rückschläge haben mich geprägt, geerdet und mir eine andere Perspektive gegeben.

Was hat dir in diesen schwierigen Zeiten am meisten geholfen?
Sebastian Heymann: Ganz klar die Bindung zur Heimat, meine Familie und mein Umfeld. Meine Eltern, Großeltern, meine Schwester – und später natürlich auch meine Frau. Dazu enge Freunde, die mich abgelenkt haben und einfach normal waren, wenn alles andere verrückt war. Ohne diese Menschen hätte ich manche Phasen vielleicht nicht so durchgestanden. Und ich habe versucht, mich trotz allem nie als Mensch zu verändern. Das war mir immer wichtig.

Du hast als junger Mann dann ziemlich früh dieses Umfeld und Horkheim verlassen. Wie war der Schritt vom Talent zum Profi und von der dritten Liga in die Bundesliga?
Sebastian Heymann: Das war wild für mich (lacht). Gerade erst Abitur gemacht, und plötzlich stehst du täglich mit gestandenen Bundesligaspielern auf der Platte. Zweimal am Tag Training, dazu Athletiktraining, Ernährungspläne, und dann das Aufpassen auf den Schlafrhythmus. Auch Videoarbeit und Fan- oder Sponsorenveranstaltungen standen plötzlich an. Ich habe alles aufgesaugt und es, nachdem die anfängliche Nervosität vorüber war, auch genossen. Es war eine wunderschöne und spannende Zeit.

Und irgendwann wurde auch aus dem Traum Nationalmannschaft Realität …
Sebastian Heymann: Für mich war das Nationalteam tatsächlich immer nur ein Traum – nie ein Ziel, weil ich soweit gar nicht gedacht habe. Mein Ziel war eigentlich, die dritte Liga in Horkheim zu spielen. Als ich dann 2019 mein Debüt für die A-Nationalmannschaft gegeben habe, war das unfassbar. Auf einmal läufst du mit Spielern ein, zu denen du früher aufgeschaut hast. Du hörst die Hymne und hast eine volle Halle – der absolute Wahnsinn.

Mit welchen Erinnerungen schaust du auf dein Debüt zurück?
Sebastian Heymann: Es war emotional für mich. Das war in Düsseldorf gegen die Schweiz – am 9. März 2019. Ich hatte definitiv Pipi in den Augen, als ich in der Halle stand und realisierte, was gerade eigentlich passierte. Ich erinnere mich gerne daran zurück, denn genau diese Momente sind es auch, die mich jedes Mal durch schwere Reha-Phasen tragen.

Einer deiner größten Momente und vermutlich auch das bisherige Karrierehighlight waren dann bestimmt die Olympischen Spiele 2024 mit dem Gewinn der Silbermedaille, oder?
Sebastian Heymann: Absolut. Zuerst stand ja eigentlich Olympia 2020 an, das konnte ich aber wegen meiner Knieverletzung komplett abhaken. Als es dann wegen Corona verschoben wurde, kämpfte ich mich zurück, spielte eine gute Saison – und wurde am Ende doch nicht nominiert. Das tat brutal weh und ich habe ein bisschen gebraucht, um das zu verarbeiten. Dann kamen die Spiele in Paris und ich war zunächst auch nicht im Kader – bin dann aber nachgerückt. Und es war wirklich das Highlight. Angefangen beim olympischen Dorf mit den ganzen Athleten, die man nur vom Fernsehen kennt. Die besondere Atmosphäre, von der jeder spricht. Dann natürlich das verrückte Viertelfinale gegen Frankreich und der beste Moment von allen – das Umhängen der Silbermedaille. Das war wahrscheinlich das Größte, was ich bisher erleben durfte. Das sind Erlebnisse, die ich nie vergessen werde.

Du baust dir gerade auch ein zweites Standbein auf und machst parallel eine Ausbildung. Wie kam das zustande?
Sebastian Heymann: Tatsächlich aufgrund meiner ersten schweren Verletzung. Der Mannschaftsarzt fragte, ob ich eine Sportunfähigkeitsversicherung habe – da wurde mir klar, wie wenig man als junger Sportler eigentlich über solche Themen weiß. Finanzielle Bildung ist enorm wichtig und etwas, das besonders Profisportlern fehlt. Deshalb mache ich heute eine Ausbildung zum Finanz- und Vermögensberater, alles digital, neben dem Handball. Das wird länger als drei Jahre dauern, aber das ist mir egal. Es ist ein gutes zweites Standbein und etwas, womit ich mir meine Zukunft absichere, wenn es mit dem Sport mal zu Ende geht.

Die aktuelle Saison mit den Rhein-Neckar Löwen läuft nicht reibungslos und ihr habt euch noch nicht unter den Topteams in der Tabelle positioniert. Wie geht man als Spieler damit um?
Sebastian Heymann: Mit Geduld und harter Arbeit. Rückschläge kenne ich besser als viele andere. Wenn es nicht läuft, musst du gemeinsam als Team kämpfen, Gas geben, dich im Training zeigen und in Spielen auch mal deine Mannschaft tragen. Ich möchte gerne in die Nationalmannschaft zurück, und das geht nur über Leistungen im Verein. Das motiviert mich jeden Tag.

Wenn du auf die letzten zehn Jahre zurückschaust: Was bleibt?
Sebastian Heymann: Dankbarkeit. Ich lebe weiterhin meinen Traum, und das trotz aller Verletzungen, Rückschläge und vielen verpassten Turnieren, Spielen und Momenten. Aber ich mache das, was mir am meisten Freude macht, und verdiene auch noch mein Geld damit – und ich hoffe, das geht noch viele Jahre genauso weiter.