Annegret Schneider: Von der Leichtathletik zum Luftgewehr

Mit Annegret Schneider ist das irgendwie so eine besondere Sache. Im Herbst 2017, als sie im Alter von 17 Jahren zum vierten Mal Junioren-Weltmeisterin in der Para-Leichtathletik geworden war, haben wir uns kennengelernt. Seither vergeht fast kein Monat, ohne dass wir mit der ehemaligen Weitspringerin zumindest einmal per Messenger in Kontakt sind. Wir haben viel zusammen gelacht, uns in persönlichen Tiefs gegenseitig wieder aufgebaut, gemeinsam den einen oder anderen spannenden Termin erlebt, aber auch mindestens genauso viele weniger spannende Gesprächsrunden als „Nebensitzer“ durchgestanden. Wir können sagen, dass eine Freundschaft entstanden ist, die wir nicht missen möchten. Inzwischen ist Anne 25 Jahre alt und Wirtschaftsinformatikerin. Nach fünf Jahren Leistungssport-Pause ist sie als Luftgewehr-Schützin zurückgekehrt. Und sie würde das zwar nie öffentlich sagen, aber Anne wäre nicht Anne, wenn da nicht – zumindest ansatzweise – die Paralympics 2028 in Los Angeles ganz weit im Hintergrund eine kleine Rolle mitspielen würden. Zum Ende der SPORTHEILBRONN-Ära haben wir uns nochmal mit ihr über den Sport unterhalten… Einleitung: Ralf Scherlinzky / Text: Lara Auchter

Autor: Lara Auchter

1. Februar 2026

Anne, unsere Leserinnen und Leser kennen dich von „früher“ als erfolgreiche Para-Leichtathletin. Heute bist du als Luftgewehr-Schützin aktiv. Wie kam es zu diesem sportlichen Neuanfang?
Annegret Schneider: Nach dem Ende meiner Leichtathletik-Karriere wollte ich bewusst etwas komplett Neues machen. Etwas, das nicht ständig Vergleiche zur Vergangenheit zulässt und bei dem der Druck geringer ist. Das Sportschießen hat mich genau deshalb angesprochen – es ist technisch, ruhig und fordert den Kopf auf eine ganz andere Art.

Dein Abschied von der Para-Leichtathletik 2020 kam früher als ursprünglich geplant. Du warst gerade mal 20 Jahre alt und sportlich hättest du noch einiges erreichen können…
Annegret Schneider: Die Paralympics waren lange ein realistisches Ziel, für das ich sogar meinen Lebens- und Trainingsmittelpunkt nach Cottbus verlegt hatte. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr gepasst haben. Corona hat vieles zusätzlich erschwert, und ich hätte nur weitermachen können, wenn ich alles andere hinten angestellt hätte. Das wollte ich nicht mehr, da ich mir ja auch eine berufliche Grundlage legen musste.

Wie schwer fiel dir diese Entscheidung?
Annegret Schneider: Sehr schwer. Leistungssport ist ein riesiger Teil des Lebens, und wenn man diesen aufgibt, fällt erst mal ein Stück Identität weg. Am Anfang konnte ich mir kaum vorstellen, jemals wieder Wettkämpfe anzuschauen. Besonders bei den Paralympics 2021 musste ich wegsehen, da dort Leistungen gebracht wurden, die auch für mich möglich gewesen wären. Bei Paris 2024 war es dann schon besser, aber es hat gedauert, bis ich innerlich wirklich abgeschlossen hatte.

Was hast du in der Zwischenzeit gemacht? Fünf Jahre ohne Leistungssport ist eine lange Zeit.
Annegret Schneider: Ich habe mich bewusst auf andere Lebensbereiche fokussiert, habe Wirtschaftsinformatik studiert und arbeite inzwischen Vollzeit. Ich musste mich erstmal komplett von der Leichtathletik distanzieren. Anderen Sport habe ich natürlich betrieben – das Skifahren lag mir schon immer im Blut und das mache ich auch heute noch mit viel Leidenschaft.

Und dann kam das Sportschießen mit dem Luftgewehr…
Annegret Schneider: Genau. Anfangs ganz locker zum Ausprobieren und ohne große Erwartungen. Ich wollte das einfach nur für mich machen. Aber natürlich war der Ehrgeiz schnell wieder da. Ich trainiere regelmäßig und habe gemerkt, dass mir das liegt – und plötzlich war ich wieder bei Meisterschaften am Start (lacht).

Dort hast du sogar gleich einen württembergischen Landesrekord aufgestellt.
Annegret Schneider: Ja, das habe ich tatsächlich erst im Nachhinein erfahren. Ich habe mich natürlich sehr gefreut, habe in dem Moment aber eher auf das Ergebnis und die Gesamtleistung geschaut. Für mich steht nicht der Rekord im Vordergrund, sondern die persönliche Entwicklung. Ich will immer ein Stück besser werden und konstant bleiben.

Gibt es neue sportliche Ziele?
Annegret Schneider: Träume darf man immer haben. Aber ich gehe heute anders an den Sport heran. Beruf, Familie und Ausgleich haben eine größere Bedeutung bekommen. Wenn sportlicher Erfolg dazukommt, ist das schön, aber nicht mehr alles.

Was hat dir der Leistungssport insgesamt fürs Leben mitgegeben?
Annegret Schneider: Sehr viel. Disziplin, Durchhaltevermögen, Ehrlichkeit zu mir selbst. Vor allem aber habe ich gelernt, dass es auch Stärke ist, loszulassen. Erfolg misst sich nicht nur an Medaillen, sondern daran, ob man mit sich selbst im Reinen ist.