Schwimmabteilung der SUN: Neuanfang mit engagierten Eltern

Von 2019 bis 2023 galt die Sport-Union Neckarsulm als eine der besten Adressen im deutschen Schwimmsport. Mit Henning Mühlleitner, Annika Bruhn, Celine Rieder, Marie Pietruschka und Fabian Schwingenschlögl hatten 2021 gleich fünf Schwimmerinnen und Schwimmer die SUN bei den Olympischen Spielen in Tokio vertreten. Doch im April 2023 war von einem Tag auf den anderen alles vorbei. Der Hauptsponsor zog sich ohne Vorankündigung zurück, das Profiteam wurde aufgelöst und die Neckarsulmer Spitzenathleten verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Was blieb, war ein Scherbenhaufen. Das Vereinsleben drohte auseinanderzubrechen. Doch spätestens seit der Mitgliederversammlung im Sommer 2024 zeigt sich: Mit Herzblut, Engagement und einem klaren Ziel vor Augen kann die Abteilung wieder durchstarten. „Wir sind wieder da“, sagen die Verantwortlichen – und meinen das wörtlich. Abteilungsleiter Uwe Schuster, die stellvertretende Abteilungsleiterin Yvonne Braun und die Veranstaltungskoordinatorin Natascha Ball haben die SPORTHEILBRONN-Redaktion ins Sportbad AQUAtoll eingeladen, um uns Einblicke in die „neue“ Schwimmabteilung der Sport-Union, ihre Ausrichtung und ihre Pläne zu geben.

Autor: Lara Auchter

5. Mai 2025

Die Leistungsschwimmer der Sport-Union Neckarsulm beim SUN-RISE Meeting im Februar 2025. Foto: SUN Schwimmen

Der Neuanfang – zwischen Krise und Aufbruch

„Es war fünf vor zwölf“, erinnert sich die stellvertretende Abteilungsleiterin Yvonne Braun. Als im April 2023 der Hauptsponsor seinen sofortigen Rückzug ankündigte und deshalb das Profiteam und der drumherum konstruierte Trainerstab auseinanderbrachen, stand der Verein plötzlich ohne funktionierende Struktur da. „Wir hatten wirklich Trümmer vor uns liegen und wussten erstmal nicht, wie es weitergehen sollte. Da haben wir Eltern beschlossen, dass wir das Zepter selbst in die Hand nehmen müssen, damit unsere Kinder weiter schwimmen können.“

Gesagt, getan: Eine kleine Gruppe rund um die jetzige Abteilungsleitung übernahm Verantwortung. „Wir wollten nicht nur meckern, sondern auch mitgestalten“, sagt Yvonne Braun, deren Tochter Enya Teil des heutigen Leistungsschwimmteams ist. Dabei ging es nicht um Macht oder Prestige – sondern um die Kinder. „Uns war klar: Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir die Basis, auf die sich die gesamte Schwimmabteilung stützt.“

 

Neue Strukturen, neue Energie

Das neue Führungsteam setzte auf ein modernes Rollenmodell. Statt der klassischen Doppelspitze übernahmen mehrere Eltern gezielt Aufgaben – neben den beiden Abteilungsleitern und einem sportlichen Leiter gibt es einen Finanzwart, eine Veranstaltungskoordinatorin, eine Pressewartin, sowie einen Verantwortlichen für die Technik. Dazu kommen drei Beisitzer, welche die Abteilungsleitung in verschiedenen Bereichen unterstützen. „Diese Aufteilung war das Beste, was wir machen konnten. Jeder bringt sich dort ein, wo er seine Stärken sieht“, erklärt Veranstaltungskoordinatorin Natascha Ball. „Meine Kinder schwimmen schon lange bei der Sport-Union, und für mich war von Anfang an klar, dass ich mich einbringen will. Es hat sich recht schnell eine Gruppe gebildet, die gesagt hat, jetzt machen wir das einfach – strukturiert, effizient und mit Leidenschaft“, so die Mutter der Leistungsschwimmer Lisa und Felix.

Die Wirkung zeigte sich sofort: Der Instagram-Kanal lebte wieder auf, neue Kooperationen wurden gestartet, man rief zwei jährliche Wettkämpfe ins Leben und die Kinder und Vereinsmitglieder haben wieder das Gefühl, Teil von etwas zu sein.

Sind mit Begeisterung dabei, die Schwimmabteilung in die Zukunft zu führen: Natascha Ball, Uwe Schuster und Yvonne Braun (v. links). Foto: SPORTHEILBRONN

Zurück zur Basis – und mit Perspektive nach oben

Auch wenn in Neckarsulm schon Olympiateilnehmer trainiert haben, betont die neue Führung vor allem eines – den Breitensport. „Wir wollen keine parallelen Welten mehr, keine Profis auf der einen Seite und den Nachwuchs, der sich abgehängt fühlt, auf der anderen“, sagt Abteilungsleiter Uwe Schuster, der das Amt schon lange Jahre innehat und auch beim Neustart wieder die Verantwortung übernahm. Die Freizeit- und Breitensportgruppen haben nun bis zu dreimal wöchentlich die Chance, im Sportbad zu schwimmen sowie bei Wettkämpfen teilzunehmen.

Trotzdem bleibt der Leistungsgedanke präsent. Bis zu neun Trainingseinheiten pro Woche bietet der Verein für das neue TopTeam aus dem eigenen Nachwuchs an, unterstützt von einem engagierten Trainerstab. „Wir haben sogar ehemalige Leistungsschwimmer, die jetzt als Assistenztrainer zurückkommen – das ist ein echtes Pfund“, freut sich Uwe Schuster.

Neben dem TopTeam gibt es auf Leistungssportebene auch das Perspektivteam sowie ein Nachwuchsteam, das die Schleuse zwischen Breiten- und Leistungssport bildet. Insgesamt hat die Schwimmabteilung neun Gruppen mit über 130 Athleten im Breiten- und Leistungssport. Dazu verbringen zehn Trainer bis zu 85 Stunden die Woche am Beckenrand, egal ob bei den Top-Talenten, den Freizeitschwimmern oder bei den Schwimmkursen.

„Wir holen die Kinder dort ab, wo sie stehen. Manche wollen dreimal die Woche trainieren, andere einmal – beides ist okay und beides wird ermöglicht“, sagt der Abteilungsleiter. „Wir verlieren niemanden aus dem Blick und bringen jedes Kind in der richtigen Gruppe unter.“ Und wenn doch mal ein Ausnahmetalent aus den eigenen Reihen kommt, wird dieses vom kompletten Verein unterstützt.

Der Nachwuchs in Neckarsulm hat zuletzt schon wieder gewaltig aufhorchen lassen – bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften war die SUN mit 13 teilnehmenden Athleten der zweitgrößte Verein aus Baden-Württemberg. Und auch bei den Landesmeisterschaften zeigten besonders die Jahrgänge 2006 bis 2014 herausragende Leistungen und schwammen etliche Bestzeiten, die mit vielen Medaillen gekrönt wurden.

 

Ein Verein, viele Wege – und ein Ziel

Neben dem Freizeit-, Breiten- und Leistungssportbereich bietet die Schwimmabteilung der Sportunion Neckarsulm auch klassische Schwimmkurse an und führt zahlreiche Schulkooperationen. „Wir arbeiten eigentlich mit allen Schulen in Neckarsulm zusammen, sowie noch mit ein paar weiteren aus der direkten Umgebung. Die Kooperation umfasst sowohl den regulären Schwimmunterricht als auch außerschulische Schwimmangebote. Und wenn jemand Potenzial zeigt, können wir ihn in einer unserer Vereinsgruppen aufnehmen“, so Uwe Schuster. Doch durch das Programm hat der Verein auch gemerkt, wie viele Schüler noch immer nicht richtig schwimmen können. „Das war schockierend zu sehen. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass wir diese Kooperationen anbieten, da Schwimmen einfach eine überlebenswichtige Fähigkeit ist und wir durch dieses Angebot viele Kinder erreichen“, betont Yvonne Braun die hohe Bedeutung des Programms.

Mit dem Ausbau des Breitensports, der Förderung des Leistungssports sowie zahlreichen Schwimmkurs-Angeboten baut sich der Verein eine gute Basis auf – mit einem Ziel: nachhaltiger Erfolg.

Wettkampf als Lebensader

Ein zentraler Bestandteil des Neustarts war die Rückkehr zur Ausrichtung eigener Wettkämpfe. Mit dem „SUN-RISE Meeting“ zum Jahresanfang und der „SUN-SWIM Trophy“ am 24. und 25. Mai etablierte die Abteilung zwei Highlights im regionalen Schwimmkalender. „Wir haben ein tolles Bad, wir haben das Know-how – warum sollten wir das nicht nutzen?“, so Natascha Ball, die als Veranstaltungskoordinatorin federführend für die Organisation und Umsetzung der Wettkämpfe verantwortlich ist. „In den letzten Jahren, als der Fokus komplett auf dem Profiteam lag, sah man in der Abteilung nicht die Notwendigkeit, eigene Wettkämpfe auszurichten. Das war sehr schade. Das hat den Kindern und dem Verein sowohl sportliche als auch finanzielle Möglichkeiten genommen. Die Wiedereinführung von Wettkämpfen im AQUAtoll Sportbad war deshalb eine der ersten Maßnahmen, die wir umsetzten wollten, auch weil wir dadurch eine stabile finanzielle Basis aufbauen können“, ergänzt Yvonne Braun.

Doch der Aufwand ist enorm: „Wir brauchen bis zu 30 Kampfrichter pro Wettkampfabschnitt, das heißt 60 Kampfrichter am Tag. Dazu gibt es natürlich zahlreiche Verpflegungsstände und es werden sehr viele Helfer benötigt – ob für den Auf- und Abbau der umfangreichen Wettkampftechnik, die Bewirtung oder nur zum Kuchenbacken und Obstschnippeln. Das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen“, erzählt Natascha Ball. Doch der Rückhalt ist da. „Wir waren bei unseren beiden Events fast 1.000 Menschen in der Schwimmhalle – Teilnehmer, Trainer, Zuschauer und Unterstützer. Das war wirklich der Wahnsinn und hat uns auch gezeigt, dass wir gute Arbeit machen und unsere Ideen angenommen werden.“

 

Inklusion leben mit den Special Olympics

Das größte Event kommt jedoch erst noch auf die Sport-Union zu – die Special Olympics Landesspiele, die vom 9. bis 12. Juli in Heilbronn und Neckarsulm stattfinden werden. „Wir werden hier im AQUAtoll die Schwimmwettkämpfe ausrichten. Das ist ein enormer Aufwand, da man natürlich bei dieser Art Wettkämpfe viel mehr Anforderungen erfüllen muss. Wir werden dort mit bis zu 100 Leuten an vier Tagen im Einsatz sein, von denen viele Urlaub nehmen müssen, das aber gerne machen. Denn jeder freut sich darauf und wir sind stolz, dieses Event ausrichten zu dürfen,“ berichtet Yvonne Braun.

Der dritte Platz der „SUN-Haie“ beim kindgerechten Wettkampf zeigt: die Nachwuchsarbeit der Schwimmabteilung trägt wieder Früchte. Foto: SUN Schwimmen

Auch die Unified-Schwimmwettbewerbe treffen auf große Begeisterung unter den SUN-Schwimmern. „Unsere Kids sind schon richtig aufgeregt und freuen sich total auf die Wettkämpfe, bei denen sie als Volunteers helfen werden. Ein paar von ihnen werden auch als Teil der Unified-Staffeln, bei denen Menschen mit und ohne geistige Behinderung ein Team bilden, selbst im Becken sein“, erzählt die stellvertretende Abteilungsleiterin freudig. Für die Schwimmwettbewerbe sind schon über 140 Athleten angemeldet – eine logistische und organisatorische Mammutaufgabe – und doch ein Projekt, das für die Abteilung mehr als nur Sport ist. „Das ist ein Statement. Wir leben hier die Gemeinschaft und haben sie nicht nur auf dem Papier stehen.“

 

Blick nach vorn – und viel Rückenwind

„Mit der Stadt Neckarsulm und dem AQUAtoll konnten wir inzwischen wieder eine sehr gute Partnerschaft auf Augenhöhe aufbauen. Das war nicht immer so“, sagt Abteilungsleiter Uwe Schuster.
Auch intern ist der Wandel greifbar. „Wir arbeiten mit festen Rollen, klaren Zuständigkeiten, halten regelmäßige Meetings ab. Das macht uns handlungsfähig – auch wenn’s mal stressig wird. Was wir in einem Jahr auf die Beine gestellt haben, ist krass“, so Yvonne Braun. „Und das Wichtigste: Unsere Kinder tragen ihre SUN-Mützen wieder mit Stolz.“