Denise Krebs: Zwei Olympiazyklen und ein Anruf in Heilbronn
Zwischen den Ausgaben 3 und 34 war Denise Krebs Dauergast im SPORTHEILBRONN-Magazin. 16-mal haben wir über die aus Heilbronn-Biberach stammende Mittelstreckenläuferin berichtet, die in ihrer Karriere sechs Deutsche Meistertitel, EM-Gold im Team, Silber bei der Militär-WM, Platz zwei bei der Universiade sowie 20 Einsätze für die deutsche Nationalmannschaft feiern durfte. Aus unseren vielen Treffen, Telefonaten und Textnachrichten ist über die Jahre eine persönliche Freundschaft entstanden. Ein Thema hat uns dabei fast immer begleitet: Olympia. 2016 und 2021 knapp an der Qualifikation gescheitert, war Denise 2024 endlich bei den Olympischen Spielen dabei – zwar nicht mehr als aktive Sportlerin, dafür aber mit 37 Jahren als Sportschau-Expertin. Für unsere letzte Ausgabe berichtet die Journalistin in diesem Gastbeitrag nochmal in eigenen Worten von unserer gemeinsamen Zeit. Lieben Dank für die tollen Worte, Denise. Einleitung: Ralf Scherlinzky / Text: Denise Krebs

Autor: Denise Krebs

Gastbeitrag von Denise Krebs:
„Wie mich das SPORTHEILBRONN-Magazin auf meinem Weg nach Rio 2016 und Tokio 2021 begleitet hat.“
Knapp zehn Jahre ist das SPORTHEILBRONN-Magazin inzwischen alt. Oder – wie ich rechne: zwei Olympiazyklen (2 × 4 Jahre) plus eine Europameisterschaft und eine Weltmeisterschaft. Zehn Jahre, in denen das Team mit viel Herzblut daran gearbeitet hat, Sportlerinnen und Sportler aus der Region sichtbarer zu machen. Und genau über zwei Olympiazyklen hinweg – Rio 2016 und Tokio 2021 – hat mich dieses Magazin auf eine Weise begleitet, die ich schlicht nicht erwartet hätte.
In den ersten Jahren meiner Karriere verlief vieles nach Plan. Ich war ehrgeizig, motiviert und überzeugt: Wer hart arbeitet, wird seine Ziele erreichen. Schon in der Jugend gewann ich Medaillen, kurz nach meinem 22. Geburtstag wurde ich erstmals Deutsche Meisterin bei den Aktiven. Ich entwickelte mich zu einer der besten 1.500-Meter-Läuferinnen Deutschlands, unterschrieb bei einem Top-Verein und bekam einen der begehrten Förderplätze in der Sportfördergruppe der Bundeswehr.
Und trotzdem war mir klar: Eine Karriere verläuft selten geradlinig.
Der Einschnitt: Trauer, Verletzungen und plötzlich Existenzangst
Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Härte und Geschwindigkeit, mit der sich alles verändern konnte. 2014 verstarb mein Vater an Krebs – während ich mit der Nationalmannschaft im Trainingslager in den USA war. Mein Papa war mein größter Unterstützer, aber auch mein größter Kritiker. Er hat mich angetrieben, wachgehalten, besser gemacht.
Nach seiner Beerdigung konnte ich zeitweise kaum trainieren. Es fühlte sich an, als hätte ich im Training die Kontrolle über meinen Körper verloren. Dazu kam Verletzungspech. Obwohl mein Bundestrainer davon wusste, wurde mir die Förderung durch die Bundeswehr entzogen.
Nüchtern betrachtet kann ich diese Entscheidung sogar nachvollziehen: Wer keine Leistung bringt, fliegt raus. Ich hätte mir dennoch mehr Erholungszeit, vor allem aber mehr Unterstützung und mehr Menschlichkeit gewünscht. Von allem habe ich zu wenig bekommen.
Die Anfänge: „Ich weiß gar nicht so genau, warum ich anrufe…“
Und plötzlich war da neben Trauer und sportlicher Unsicherheit auch noch etwas Neues: Existenzangst. Aufgeben wollte ich meinen Traum trotzdem nicht. Für die Vorbereitung auf Rio brauchte ich einen Weg, der mich wieder handlungsfähig machte. Und so rief ich – etwas ratlos, aber entschlossen – in Heilbronn an. Ein damals befreundeter Journalist sagte zu mir: „Meld‘ dich doch mal bei Ralf Scherlinzky.“ Also tat ich das, auch wenn ich ehrlich gesagt keine rechte Ahnung hatte, was ich eigentlich genau wollte. Im Telefonat habe ich das auch genauso gesagt. Heute sorgt diese Anekdote noch immer für Lacher. Damals war es vielleicht blauäugig oder naiv, auf jeden Fall aber authentisch.
Aus diesem Anruf wurde Zusammenarbeit. Ralf fuhr mit mir nach Düsseldorf zu einer PR-Agentur, wir bauten meine Website auf, pflegten sie, schärften meinen Auftritt. Das Magazin hielt interessierte Menschen in Heilbronn über meinen Weg auf dem Laufenden, setzte sich für meine Auszeichnung als Sportpionierin der Stadt ein und machte mich sogar zweimal zum „Cover-Girl“.
Auch eine weitere Idee, die später großen Einfluss auf meinen weiteren Weg haben sollte, kam von Ralf: Crowdfunding. Lange habe ich mich dagegen gesträubt. Crowdfunding wird von vielen schnell mit „Betteln“ verwechselt. Ich wollte nicht, dass mein Traum nach Mitleid klingt. Ich wollte Leistungssport und keinen Mitleidsbonus.
2020 arbeitete ich bereits 25 Stunden pro Woche im Marketing einer Firma – zusätzlich zu meinen zwölf Trainingseinheiten. Im Sommer, mitten in der Pandemie, lief mein Arbeitsvertrag aus. Ob es weitergehen würde, war unklar. Und das alles wieder in einer Olympiavorbereitung.
Eine Lösung musste her
Unter dem Motto „Aufgeben ist keine Option – Olympia 2021“ entwickelten Ralf, meine engsten Unterstützer und ich innerhalb weniger Tage unsere Aktion. Ich hatte große Angst, ob wir überhaupt Menschen finden würden, die so etwas mittragen würden.
Dann aber passierte etwas, das ich bis heute kaum in Worte fassen kann: Innerhalb weniger Wochen übertrafen wir das anvisierte Ziel von 8.000 Euro deutlich. Am Ende standen 12.111 Euro – getragen von 137 Unterstützer*innen. Ich fühlte mich, als hätte ich bereits gewonnen. Denn mit so viel Rückhalt hatte ich nach all der Zeit nicht gerechnet.
Damals wurde ich bei sportfrauen.net so zitiert: „Wir Sportler trainieren so hart, um unsere Ziele zu erreichen. Oft haben wir das Gefühl, dass wir alleine sind und der Leistungssport keinen Stellenwert mehr in unserer Gesellschaft hat. Das Projekt hat mir das Gegenteil bewiesen. Denn mein Team hat sich schlagartig um 137 Unterstützer erweitert.“
Und genauso fühle ich mich bis heute.
Gegenwart: Abstand, Frieden und ein Moment Glück
Mittlerweile habe ich vor vier Jahren meine aktive Karriere beendet. Mein Karriereende liegt also bereits einen Olympiazyklus zurück. Und ja: Ich rechne noch immer in diesen Zyklen. Wahrscheinlich war mein Leben einfach zu lange auf 2012, 2016 und 2020 (2021) ausgerichtet.
Was geblieben ist, ist das Bedürfnis nach Bewegung. Wenn es geht, am liebsten einmal täglich. Laufen bedeutet für mich bis heute: Freiheit. Ich blühe auf.
Mit mehr Abstand blicke ich auf vieles ruhiger zurück. Ich weiß inzwischen: Nicht jede harte Arbeit führt automatisch zum Ziel. Manchmal braucht es auch eine gehörige Portion Glück.
Und von diesem Glück habe ich in diesem Jahr rückwirkend dann doch noch etwas abbekommen.
14 Jahre nach meinem Rennen bei der Universiade in Shenzhen, bei dem ich beim Zieleinlauf noch Fünfte wurde, habe ich im Sommer 2025 bei den World University Games in Essen für dieses Rennen nach all der Zeit endlich mei
ne Medaille erhalten – aber ist es auch die richtige? Damals wusste niemand, dass von 12 Finalistinnen fünf des Dopings überführt werden würden. Manche bezeichnen dieses Rennen heute noch als eines der schmutzigsten aller Zeiten. Nun habe ich eine Silbermedaille in der Hand, die sich nach der nachträglichen Disqualifikation der vor mir platzierten Läuferinnen nur bedingt nach Genugtuung anfühlt und weitere Fragen aufwirft. Denn die Siegerin und bis heute Goldmedaillenträgerin wurde nach der Verjährungsfrist ebenfalls wegen eines Dopingvergehens überführt – und plötzlich steht ein Ergebnis wieder auf dem Kopf.
Die Ehrung war sicher nicht die, die sie 2011 hätte sein können. Statt Trainingsanzug trug ich einen blauen Blazer und Jeans. 2011 wäre ich in einem vollen Stadion ausgezeichnet worden, in diesem Jahr waren nur eine Handvoll Menschen und Nachwuchssportlerinnen und -sportler da. 2011 durfte mich nicht einmal mein Heimtrainer zum Wettkampf begleiten. Aber diesmal war er da. Dazu meine Familie. Und meine allerbesten Freundinnen.
Und genau das ist es doch, an was man sich am Ende erinnert. Heute denke ich weniger an Tabellen und mehr an die Menschen, die mich getragen haben und es noch immer tun – so wie Ralf und das gesamte Team des SPORTHEILBRONN-Magazins.
Dafür bin ich unendlich dankbar. Und ich wünsche euch von Herzen: Alles Gute – für die nächsten Jahre und die neuen Chancen.
Aktuell bin ich in Elternzeit, denn ich bin im Frühling zum ersten Mal Mama geworden. Eine neue Priorität, eine neue Herausforderung – und eine, die mich gerade ein Stück weit aus der Sportwelt herausholt. Und das ist auch gut so.
In Liebe, Denise