Milan Hosseini: Neustart am Olympiastützpunkt Stuttgart

Milan Hosseini kennen wir schon von klein auf. Als wir mit unserer Agentur einst die Webseite seiner Eltern gestalteten, bestand das turnerische Talent des kleinen Milan gerade darin, sich in seinem Laufstall hochzuziehen. Jahre später, als Milan 14 Jahre alt war, haben wir gemeinsam mit seiner Mutter Michaela eine Crowdfunding-Aktion gestartet, die dem Turntalent der TG Böckingen 2015 den Wechsel an den Olympiastützpunkt Berlin ermöglichte. Damals gaben wir Michaela im Spaß mit auf den Weg: „Wenn er mal einen Manager braucht, dann melde dich.“ Im Januar 2023 klingelte das Telefon – Milans Mama war dran und meinte, dass es jetzt soweit sei. Ob von unserer Seite noch Interesse bestünde. Seither ist der Kontakt noch enger und wir sind wahnsinnig stolz darauf, welchen Weg der EM-Dritte von 2023 seither beschritten hat. Jetzt, mit 24 Jahren, steht Milan Hosseini vor einem Neuanfang: Im Dezember zog er zusammen mit seiner Freundin Linda von Berlin nach Esslingen, um künftig am Olympiastützpunkt Stuttgart zu trainieren. Gemeinsam schauen wir nochmal auf die letzten Jahre zurück und werfen auch einen Blick auf die Zukunftspläne des Fleiners. Text: Ralf Scherlinzky

Autor: Ralf Scherlinzky

1. Februar 2026

Milan, du bist wegen des Turnsports vor über zehn Jahren von zuhause weggezogen, als du eigentlich noch ein Kind warst. Wie blickst du auf diese einschneidende Zeit zurück?
Milan Hosseini: Das war anfangs schon eine heftige Umgewöhnung – weg von zuhause, zweimal täglich Training, eine neue Trainingsgruppe, ein neuer Trainer, eine kleine Schulklasse mit nur 12 Leuten. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich einzufinden. Und ja, ich hatte schon auch Heimweh. Sportlich habe ich mich in den ersten zwei Jahren auch erstmal nicht so krass gesteigert, wie ich es mir eigentlich erhofft hatte. Das kam erst mit 16, 17 Jahren, als ich nochmal ordentlich gewachsen bin, mehr Kraft zulegen konnte und auch einen neuen Trainer bekommen habe. Um diese Zeit herum durfte ich dann auch das erste Mal in der U16 für Deutschland turnen. Aber trotz aller Schwierigkeiten hatte die Anfangszeit in Berlin schon auch ihren Charme.

Mit deinem Böckinger Vereinskollegen Daniel Wörz hattest du die ganze Zeit einen Wegbegleiter in Berlin.
Milan Hosseini: Ja, Daniel war am Anfang eine wichtige Bezugsperson für mich und hat mir bei der Eingewöhnung enorm geholfen. Daraus ist eine enge Freundschaft geworden und wir haben uns dann ja auch eine Wohnung geteilt. Man kann schon sagen, dass wir bis heute beste Freunde sind.

Sportlich ging es stetig bergauf, bis das Jahr 2020 kam…
Milan Hosseini: Genau. Ich hatte eine stetige Leistungsentwicklung, bis die Pandemie kam. Wir durften erstmal nicht trainieren und ich habe die Zeit für einen fünfwöchigen Heimatbesuch genutzt. Kurz nachdem der Lockdown vorüber war, ging es dann mit meiner Schulter los, und Anfang 2021 stand fest, dass ich operiert werden musste. Das war meine erste große Verletzung und ich hatte nicht nur große Angst vor der OP, sondern auch davor, dass ich es danach nicht mehr schaffe, leistungsmäßig wieder ranzukommen.

Bei verletzten Sportlern wird oft die Floskel „Come back stronger“ bemüht. Bei dir hat sie sich sehr gut bewahrheitet, oder?
Milan Hosseini: In gewissem Sinne ja. Ich bin mit großen Schritten zurückgekommen, nur die letzten paar Prozent haben noch eine ganze Weile gebraucht. In dieser Zeit hat auch die Zusammenarbeit mit meinem Trainer Brian Gladow begonnen, bei dem mir das Training gleich wieder großen Spaß bereitet hat. Ich bin richtig gerne in die Halle gegangen, und das tolle Verhältnis, das sich zwischen uns innerhalb von kürzester Zeit entwickelt hat, gab mir einen richtigen Push. Dennoch hat es bis Ende 2021 gedauert, ehe ich wieder richtig turnen konnte. Ich habe mir dann die Deadline gesetzt, dass ich bis zu meinem Abi 2022 nochmal voll durchziehe und dann sehe, wo ich stehe.

Und dann wurde 2022 dein bis dahin bestes Jahr, wie auch auf der Titelseite von SPORTHEILBRONN 27 zu lesen war.
Milan Hosseini: Stimmt. Schon der Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft Ende 2021 mit dem TuS Vinnhorst war ein großer Erfolg. Eigentlich war ich nur froh, dass ich wieder beschwerdefrei turnen konnte. Dann war ich plötzlich beim Weltcup am Start, habe beim DTB-Pokal in Stuttgart geturnt und wurde direkt nach dem Abi bei den Finals in Berlin Deutscher Meister am Boden. Das i-Tüpfelchen war dann noch, dass ich im Herbst als Ersatzturner zur WM nach Liverpool mitfahren durfte. 2023 ging es dann genauso weiter. Silber beim Weltcup in Cottbus, ein guter Sechskampf in Stuttgart, die Nominierung für die Europameisterschaft in Antalya und dort dann der Gewinn der Bronzemedaille am Boden. Leider wurde ich dann aber nicht zur WM nominiert, und bei den Olympischen Spielen 2024 war ich auch nur als Ersatzturner dabei, obwohl ich mich nochmal extrem verbessert hatte. Das war bitter.

Sind WM und Olympia die Ziele, auf die du jetzt hinarbeitest?
Milan Hosseini: Natürlich. Jetzt muss ich aber erst wieder richtig fit werden. Seit Februar 2025 habe ich teils heftige Probleme mit meinem Nacken, die mich das ganze letzte Jahr ordentlich gehemmt haben. Die EM konnte ich zwar turnen, auf die WM-Teilnahme musste ich aber leider verzichten. Lange wusste niemand, was ich eigentlich habe, bis ich dann in München einen Arzt gefunden habe, der die Ursache richtig behandelt. Seither geht es aufwärts.

Du hast die Verletzungspause aber auch genutzt, um für dich persönlich einen totalen Restart für 2026 zu organisieren. Wie kam das?
Milan Hosseini: Mein Trainer Brian Gladow hat mir im Sommer 2025 eröffnet, dass er zu Gunsten seiner Familie kürzertreten möchte und statt der Erwachsenen künftig nur noch die Jugend trainiert. Das war ein harter Schlag, da er für mich eine absolute Vertrauensperson ist und ich ihm sehr viel zu verdanken habe. Da ist der Gedanke gereift, dass ich den Stützpunkt wechsle. Ich habe mir Cottbus, Hannover und Stuttgart angeschaut. Letztendlich hat dann das Gespräch mit meinem neuen Trainer Thomas Andergassen den Ausschlag dafür gegeben, dass ich nach Stuttgart gewechselt bin. Dort kann ich nun zusammen mit meinen Nationalmannschaftskollegen Timo Eder und Gabriel Eichhorn auf einem sehr hohen Niveau trainieren.

Wie schwer war es, Berlin nach über zehn Jahren zu verlassen?
Milan Hosseini: Die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen und es hat sich schon ein paar Wochen hingezogen, ehe ich mir sicher war, dass sie richtig ist. Unter anderem hat natürlich auch die Nähe zu meiner Familie in Flein eine große Rolle gespielt, die ich jetzt auch mal kurzfristig besuchen kann. Die Wohnungssuche hat sich dann auch nochmal hingezogen. Da hat es zeitlich ganz gut gepasst, dass ich in der Rehaphase war und nicht voll trainieren konnte. Anfang Dezember sind meine Freundin und ich dann nach Esslingen gezogen.

Was steht nun 2026 für dich an?
Milan Hosseini: Erstmal die vollständige Genesung. Die Weltcups in Cottbus und Stuttgart im Frühjahr kommen vermutlich noch zu früh. Über die Finals Ende Juli möchte ich mich für die EM qualifizieren. Und dann wäre ich im Spätjahr gerne bei der WM dabei, um mit diesen beiden Höhepunkten ins vorolympische Jahr zu starten.