Erstarrt in Routinen

Autor: Nico Lang

5. Mai 2021
Foto: Sporthalle Massenbachhausen

Sebastians Routine… Es ist 06.30 Uhr. Er tastet sich benommen an den Wecker-Knopf, der die Snooze-Funktion aktiviert. Verdammt, es ist trotzdem Zeit aufzuwachen! Er bewegt sich mit halb geschlossenen Augen ins Bad, bevor er auf sein Smartphone schaut und 15 Minuten damit verbringt, passiv auf Inhalte zu starren, die ihn nicht wirklich interessieren, bevor er merkt, dass er sich so langsam in Handlung bringen sollte.

Es ist kurz vor 7 Uhr, als er das Bad verlässt. Es folgen standardisierte Handgriffe: Er trinkt einen Kaffee und putzt sich die Zähne, bevor er die Wohnung verlässt. Für Frühstück bleibt keine Zeit. Nachdem er seinen noch trägen Körper lethargisch Richtung Türe befördert hat, wiederholt er, wie jeden Tag, die einstudierte Schrittfolge, um zu seinem Auto zu gelangen. Er fährt zur Arbeit und hofft, dass sich die Zeiger seiner Uhr schneller bewegen als gestern.

Die Mittagspause bietet einen kleinen Lichtblick. Die Hälfte des Tages ist geschafft. Die Zeit nach dem Mittagessen mündet in einer einsetzenden Schläfrigkeit, verursacht durch die Mahlzeit, von der Sebastian weiß, dass sie ungesund war. Nächste Woche wird er mit seiner „neuen“ Diät beginnen.

17 Uhr – Feierabend. Setzt nun das Gefühl von Leichtigkeit ein? NOCH nicht. Es ist Montag, einer der beiden Tage, an denen Sebastian eingeplant hat, ins Fitnessstudio zu gehen. Verdammt. Lass uns diese Einheit durchziehen, denkt er. Was sein muss, muss sein! Nach einem kurzen Zwischenstopp in seiner Wohnung, um alles mitzunehmen und zu sammeln, was er braucht, um ins Fitnessstudio zu gehen, macht sich Sebastian auf den Weg ins Dr. Lift, das Fitnessstudio, das bekannt ist, für sein geniales Zirkeltraining. Als Sebastian dort ankommt, zieht er die neueste Atilas-Sportkleidung an und schreitet vor dem Start zur Empfangstheke, um der gelangweilten Frau an der Rezeption ein augenzwinkerndes „Hallo“ zu entrichten. Er wählt sein heutiges Programm „Brust & Bizeps von Smallgrain“ und springt zum Warmmachen auf das Laufband. Verdammt, zehn Minuten Laufen, und es ist so anstrengend, er macht nur fünf. Er wird nächste Woche darüber nachdenken, das Programm doch mal wieder zu verändern.

Sebastian befindet sich in einem wirklich fragwürdigen Zustand. Er ist „Erstarrt in Routinen“. Der Zustand eines Alltags, der sich völlig von Entwicklung und Entdeckung löst. Ein Leben, in dem er genau weiß, was morgen passiert. Die Routine, die er sich im Laufe der Jahre aufgebaut hat, ist so stark, dass er sich wie ein Programm verhält und sich von seinem erschöpften ICH führen lassen kann.

Er muss nicht viele Probleme lösen, da er bereits Strategien und Mechanismen entworfen hat, die das übernehmen: Der Job – sein Vorgesetzter wird sich darum kümmern, er muss nur den Kopf gesenkt halten und genau das tun, was befohlen wird. Die Interessen – Soziale Medien führen ihn durch den Dschungel der Bedürfnisse. Die Hobbies – er spielt Fußball im Heimatverein, mit dem er aufgewachsen ist. Mittlerweile ist er im Funktionsteam der Vorstandschaft. Der Freundeskreis – Freunde kommen und gehen, je nachdem in welcher Lebensphase sich Sebastian befindet, welche partnerschaftliche Beziehung er führt oder welchem Arbeitgeber er momentan unterstellt ist.

Das gleiche gilt für seine körperliche Entwicklung. Sebastian hat mittlerweile genug Videos angeschaut, in denen Experten genau erklären, wie ein Körper zu formen ist. Richtig?

DEIN KÖRPER?! EIN WAHRHAFTIGER SPIELPLATZ, EIN UNENDLICHES LABOR, EIN ORT DER MÖGLICHKEITEN – OHNE DRUCK, OHNE ZWANG UND MIT UNERSCHÖPFLICHEM POTENTIAL.

Stell dir eine Welt vor, in der Menschen die Stadt erkunden, auf dem Rückweg von der Arbeit auf Geländern balancieren, an Bushaltestellen Klimmzüge machen und ein aktives Leben führen. Eine Welt, in der die Menschen neugierig und bereit bleiben, sich authentischen Erfahrungen zu stellen. Was für ein unglaublicher Ort. Jeder würde mit Absicht handeln und sich auf alle Arten von körperlichen Aktivitäten einlassen, anstatt ein graues Leben zu führen, sowohl für die Umwelt, als auch für die eigene Existenz.

Wenn Du dich um ein bewegliches Leben kümmern möchtest, gibt es einen Unterschied, ob du deinen Körper als passives Instrument oder als Werkzeug verwendest, das dich verändern kann. Wo ist also das Abenteuer? Das Erkunden? Das Spielen? Es geht verloren in Kindheitserinnerungen und verblasst langsam und immer schneller. Erstarre NICHT in Routinen, werde wach, schaue in die Sonne und ändere den Moment. Genau JETZT.